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Die European Open 2025, Teil 2: Was Silber mich über Druck, Fehler und Erfolg gelehrt hat

Von Anna Hinze
August 1, 2025
10
Minuten Lesezeit
Die European Open 2025, Teil 2: Was Silber mich über Druck, Fehler und Erfolg gelehrt hat

Im ersten Teil habe ich dir erzählt, wie Move und ich uns auf die European Open in Portugal vorbereitet haben: die 3.000 Kilometer Anfahrt, die Hitze-Strategie und die mentale Vorbereitung, die für mich in diesem Jahr eine ganz andere Bedeutung hatte. Falls du den noch nicht gelesen hast, hier geht's zum ersten Teil: Die European Open 2025, Teil 1: Wie ich Move und mich auf Portugal vorbereitet habe. Jetzt geht es um das Turnier selbst: den Teamwettkampf, die Einzelläufe und eine Silbermedaille, die mich mehr beschäftigt hat, als ich erwartet hätte.

Der Teamwettkampf: Wenn Vertrauen Nervosität überschreibt

Am Ring kam der Druck, den viele kennen: Ich darf jetzt nicht versagen. Aber sobald ich mit Move den Ring betrat, verschwand er. Wir waren plötzlich auf einer Wellenlänge, als hätten wir nie etwas anderes gemacht. Heute weiß ich, dass das genau der Zustand war, den ich in Flow im Agility beschreibe. Wir starteten mit einem fehlerfreien Lauf, der unser Team zunächst auf Platz 4 brachte, und ich hatte gespürt: Wir haben es drauf, wenn es zählt.

Nach diesem ersten richtig guten Lauf war für die weiteren Läufe alle Nervosität weg, einfach weil ich nach dem Erfolg vollstes Vertrauen in unsere Skills hatte. Beim zweiten Teamlauf, dem Agility, war ich schon viel entspannter, kannte den Parcours, vertraute meinen Handling-Entscheidungen und vor allem Move. Das Ergebnis war einer ihrer besten Läufe überhaupt, mit Tempo, Sicherheit und einer Selbstverständlichkeit, die das Handling leicht machte. Je weniger ich mich auf meine Nervosität konzentrierte und je mehr ich mich auf das fokussierte, was ich kontrollieren konnte, mein Handling, meine Linien, meine Kommunikation mit Move, desto besser liefen wir.

Am Ende des Teamwettkampfs stand eine Silbermedaille. Im Finale waren wir das letzte Team, das lief, Move die allerletzte Läuferin. Wenn meine Teammitglieder fehlerfrei laufen, liegt am Ende alles an mir. Während der vorherige Läufer lief, musste ich in Sekundenbruchteilen entscheiden: das Risiko eines Frühstarts eingehen, um schneller in Position zu kommen und Zeit zu sparen, oder auf Nummer sicher gehen, um keine Disqualifikation zu riskieren. Ich habe gewartet, bis der andere Hund weit genug weg war, und bin dann erst zu meinem Startpunkt gelaufen. Wir liefen fehlerfrei. Alle vier Teammitglieder, null Fehler. Platz 2.

Worauf ich dabei fast noch stolzer war als auf das Ergebnis: Move ist am Start geblieben, obwohl der Druck in diesem Moment riesig war und obwohl sie spürte, dass etwas Großes in der Luft lag. Vor einem Jahr wäre das an dieser Stelle nicht selbstverständlich gewesen. Dass sie in genau diesem Moment ruhig liegen blieb, war das Ergebnis von Monaten gezieltem Training, kein Zufall.

Aus dieser Erfahrung sind fünf Dinge hängen geblieben, die für jedes Turnier gelten, nicht nur für die EO. Bereite dich mental vor, aber vertraue im Ring deinen Skills: Nervosität vor dem Lauf ist normal, sobald du aber im Ring bist, schaltest du um auf das, was du trainiert hast, deine Trainingsroutine ist dein mentaler Anker. Ein guter erster Lauf entspannt für den Rest des Turniers, das Selbstvertrauen überträgt sich wie ein Schneeball-Effekt. Fokussiere dich auf das, was du kontrollieren kannst, nicht darauf, wie andere laufen oder wie schwer der Parcours ist, sondern auf dein Handling, deine Linien, deine Kommunikation mit deinem Hund. Vertrauen ist ansteckend, dein Hund spürt, ob du zweifelst oder sicher bist. Und gönn dir den ersten Erfolg: Nimm dir bewusst einen Moment, um zu realisieren, dass ihr etwas gut gemacht habt, diese kleine Anerkennung stärkt das Selbstvertrauen für die nächsten Läufe.

Die Einzelläufe: Fehler, die keine waren

In den Einzelläufen ist mir das passiert, was jeder kennt, der schon mal knapp am Finale vorbeigeschrammt ist. Im Jumping rutschte Move minimal, blieb am Außensprung hängen, die Stange fiel nur zur Hälfte. Im Agility rutschte sie von der Wippe ab. Beide Zeiten hätten locker für das Finale gereicht.

Meine erste Reaktion war kurz Enttäuschung. Meine zweite Reaktion war ein riesiges Grinsen, denn mir wurde etwas Entscheidendes klar: Move hatte in beiden Läufen 98 Prozent perfekt gemacht. Geschwindigkeit, Sicherheit, Wendungen, einfach alles stimmte. Die restlichen 2 Prozent, ein rutschiger Moment, eine Stange, waren keine Trainingsfehler. Das ist Sport. Statt frustriert zu sein, war ich stolzer als je zuvor, weil ich zum ersten Mal wirklich verstanden hatte, dass wir es aus eigener Kraft schaffen können. Die Zeiten hatten gezeigt: Move gehört zu den schnellsten Small-Hunden der Welt.

Früher hätte ich nach solchen Läufen wahrscheinlich über die Fehler gegrübelt, mich gefragt, was ich falsch gemacht habe, das Training komplett umgekrempelt und mich auf die 2 Prozent konzentriert, die schiefgingen. Heute konzentriere ich mich auf die 98 Prozent, die fantastisch waren. Ich analysiere die Fehler, aber ich zelebriere die Erfolge, denn der Hund spürt, worauf man sich fokussiert. Wenn man nach einem Lauf nur das Negative sieht, überträgt sich das. Wenn man die 98 Prozent Großartiges würdigt und die 2 Prozent als Teil des Spiels abschreibt, bleibt der Hund motiviert und selbstbewusst.

Daraus lassen sich vier Grundsätze ableiten. Unterscheide zwischen System-Fehlern und Pech: Falsches Handling, schlechtes Timing oder unklare Kommandos gehören ins Training, während Rutschen bei perfekter Ausführung oder eine fallende Stange bei korrektem Sprung Teil des Sports sind. Feiere die 98 Prozent, analysiere die 2 Prozent, nach jedem Lauf zuerst fragen, was fantastisch geklappt hat, meist der Großteil, und erst danach, was beim nächsten Mal optimiert werden kann, meist sehr wenig. Deine Reaktion prägt deinen Hund: Wer nach einem Fehler frustriert ist, bringt dem Hund bei, dass Fehler schlimm sind, wer entspannt bleibt, bringt ihm bei, es einfach nochmal zu versuchen. Und nutze Fehler als Motivationsschub, denn Top-10-Zeiten trotz kleiner Patzer zeigen, was grundsätzlich möglich ist.

Der Unterschied zwischen Ergebnis- und Prozess-Fokus macht dabei den entscheidenden Unterschied. „Wir müssen ins Finale kommen“ ist Ergebnis-Fokus. „Ich will die bestmöglichen Linien laufen und Move optimal unterstützen“ ist Prozess-Fokus. Bei der EO habe ich konsequent prozessorientiert gedacht und mich nach jedem Lauf gefragt, ob ich die richtigen Handling-Entscheidungen getroffen habe und für Move optimal lesbar war. Das Ergebnis folgte automatisch.

Zwei kleine Trainingsanpassungen statt einer großen Umstellung

Nach der EO hätte ich das gesamte Training auf den Kopf stellen können. Stattdessen habe ich mich gefragt, was die zwei einzigen Situationen waren, in denen Move nicht ihre gewohnte Performance gezeigt hat, und wie sich genau diese Situationen im Training nachstellen lassen.

Die erste Situation war die Wippe. Move rutschte ab, als sie die Spannung nicht halten konnte, ihr erster Wippenfehler überhaupt in einem Wettkampf. Beim Video-Anschauen wurde klar, woran es lag: Ich stand direkt neben ihr statt wie gewohnt vor ihr oder schon weiterlaufend, und als sie mich dort sah, hat sie die Spannung schlecht ausgehalten und ist bei einem kleinen Zucken von mir abgerutscht. Mein neues Wippentraining ist entsprechend simpel: einmal pro Woche schicke ich Move auf die Wippe, bleibe bewusst neben ihr stehen statt weiterzulaufen, sie soll trotzdem ihre normale, sichere Wippe machen, dann erst weiterlaufen.

Die zweite Situation betraf den Start in den allgemeinen Läufen abseits des Finales: Move war insgesamt aufgeregter als sonst und lag am Start nicht immer so sicher, ich musste sie zwei- bis dreimal korrigieren, bevor ich sie freigab. In normalen Turnieren kein Problem, aber bei der EO waren Atmosphäre, andere Hunde und Anspannung intensiver. Move testet Grenzen, wenn sie aufgeregt ist, und das ist normal, aber ich will, dass sie auch in aufregenden Situationen zuverlässig wartet, besonders für zukünftige Teamwettkämpfe. Mein neues Starttraining: bewusst noch mehr Anspannung und Energie vor dem Start aufbauen, um ihn so weiter zu festigen. Das zeige ich dir auch im Startline Bootcamp Kurs.

Warum weniger hier mehr war: Ich arbeite nicht an der Wippe generell, sondern an der Wippe, wenn ich daneben stehe. Das kostet nur wenige Minuten extra Training pro Woche statt stundenlanger Umstellung, bedeutet wenig Stress für den Hund, weil es sich für ihn wie eine neue, spaßige Variante anfühlt statt wie ein Problem, und führt schnell zu Erfolgen. Nach wenigen Wochen waren beide Situationen kein Thema mehr.

Für das eigene Training lässt sich das übertragen: Nicht fragen, ob die Kontaktzone generell schlecht ist, sondern in welcher konkreten Situation sie nicht funktioniert hat. Statt zehn neuer Übungen die eine Situation üben, die nicht geklappt hat. Und bedenken, dass ein Fehler im Wettkampf nicht bedeutet, dass das generelle Training schlecht ist, oft ist es nur eine spezifische Situation, die noch nicht geübt wurde.

Silber verarbeiten: Warum Erfolg manchmal schwerer ist als Scheitern

Move und ich sind Vize European Open Champions geworden, eine Silbermedaille bei der EO. Und trotzdem war mein erster Gedanke: Silber ist der erste Verlierer.

Als Move in den Einzelläufen nicht ins Finale kam, war ich nach kurzer Enttäuschung schnell wieder motiviert und stolz. Bei der Silbermedaille war das Gefühl komplizierter. Bei einem klaren Scheitern ist die Situation eindeutig, Stange fällt, Pech, weitermachen. Aber bei einem Erfolg, der knapp am Traum vorbeischrammt, ist alles komplexer. Dahinter steckt der sogenannte Negativitätsbias: Unser Gehirn nimmt negative Ereignisse etwa fünfmal intensiver wahr als positive, evolutionär sinnvoll, weil unsere Vorfahren, die Gefahren schnell erkannten, überlebten. Für uns heute bedeutet das: Selbst bei einem riesigen Erfolg fokussiert sich das Gehirn automatisch auf das, was nicht perfekt war. Statt der fantastischen Silbermedaille kreisten meine Gedanken um die ein bis zwei Sekunden, die zwischen Gold und Silber lagen, und ob ich hätte den entscheidenden Ausschlag geben können.

Nach ein paar Wochen Abstand wurde mir klar: Dieses ambivalente Gefühl ist nicht nur normal, es ist wertvoll. Es zeigt, dass man bereit ist zu wachsen, wer sich nur auf das erreichte Ergebnis konzentriert, hört auf zu lernen. Es bedeutet nicht, dass man undankbar ist, man kann stolz auf Silber und gleichzeitig motiviert für Gold sein. Und es ist der Antrieb für die Zukunft, dieses Fast-geschafft-Gefühl ist einer der stärksten Motivatoren, die es gibt.

Es geht nicht darum, entweder zufrieden oder hungrig zu sein, sondern darum, beides zu können und aktiv gegen den Negativitätsbias zu arbeiten. Dafür hilft die 5:1-Regel: Da das Gehirn negative Aspekte fünfmal stärker gewichtet, müssen bewusst fünf positive Aspekte für jeden negativen gesammelt werden. Bei mir sah das so aus: Ein negativer Gedanke, „hätte vielleicht Gold sein können“, gegen fünf positive: Vize European Open Champion, das schaffen 99,9 Prozent aller Agility-Teams nie. Moves Team war das zweitbeste Small-Team der Welt an diesem Wochenende. Wir haben gezeigt, dass wir unter Druck liefern können. Ich bin als Handlerin gewachsen und habe Vertrauen in mich gefasst. Und wir konnten zeigen, dass wir Weltklasse sind. Plötzlich wird klar, wie überwältigend positiv die Erfahrung eigentlich war.

Für den Umgang mit solchen Fast-geschafft-Momenten haben sich fünf Strategien bewährt:

  1. Erkenne den Negativitätsbias. Wenn du nach einem Erfolg automatisch auf das Negative fokussierst, ist das keine realistische Einschätzung, sondern dein Steinzeit-Gehirn bei der Arbeit.
  2. Wende die 5:1-Regel aktiv an und schreib die fünf positiven Punkte auf.
  3. Erlaube dir alle Gefühle gleichzeitig. Stolz und ein bisschen enttäuscht zu sein ist beides berechtigt, aber lass das Positive dominieren.
  4. Definiere Erfolg neu, indem du dich fragst, was vor einem Jahr dein größter Traum war, wahrscheinlich genau das, was du jetzt erreicht hast.
  5. Nutze das Was-wäre-wenn produktiv, indem du fragst, was du aus der Situation für die Zukunft lernen kannst, statt dich zu ärgern.

Das Schönste an Hunden ist, dass Move nach dem Teamfinale einfach nur glücklich war. Sie hatte einen perfekten Lauf hingelegt, wurde gefeiert und belohnt, für sie war alles perfekt. Sie hat mich daran erinnert, dass der Weg das Ziel ist. Die Verbindung zwischen uns, die perfekten Momente im Ring, das Vertrauen, das wir aufgebaut haben, das ist das, was zählt. Die Medaille ist schön. Aber diese Erfahrung, dieses Wachstum, diese Learnings sind unbezahlbar.

Der Moment am Start im Teamfinale ist für mich bis heute ein kleines Symbol für das, was ein Jahr gezieltes Training möglich macht. Wenn dein eigener Start unter Druck noch nicht so hält, wie du es dir wünschst, dein Hund überdreht, zu früh losspringt oder genau dann die Grenzen testet, wenn es zählt, ist der Startline Bootcamp Kurs der Ort, an dem ich genau das mit Move neu aufgebaut habe.

Was bleibt

Früher habe ich Erfolg binär gesehen, entweder perfekt oder nicht gut genug. Heute verstehe ich: Jeder Erfolg, der dich wachsen lässt und hungrig hält, ist ein perfekter Erfolg, auch wenn er nicht aussieht wie der ursprüngliche Traum.

Move und ich sind stärker aus dieser EO herausgegangen, als wir hineingegangen sind. Wir wissen jetzt, was möglich ist. Und wir haben eine Silbermedaille, die uns jeden Tag daran erinnert: Wir gehören hierhin. Nächstes Jahr greifen wir wieder an, erfahrener, hungriger, mit dem Wissen, dass zwischen Silber und Gold manchmal nur ein mutiger Moment liegt.

Anna Hinze
Hi, ich bin Anna

Ich laufe seit 23 Jahren Agility und gebe seit 16 Jahren mein Wissen an andere Teams weiter. Psychologie und E-Learning habe ich studiert, deshalb erkläre ich in meinen Artikeln nicht nur was, sondern auch warum.

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