Foundations

Das Fokuskommando: Grundlage für Distanzarbeit

Von Anna Hinze
June 24, 2024
8
Minuten Lesezeit
Das Fokuskommando: Grundlage für Distanzarbeit

Die Grundlage für erfolgreiche Distanzarbeit

Agility hat sich in den letzten fünf Jahren rasant verändert. Früher konnte ein laufstarker Hundeführer mit einem mittelschnellen Hund noch alles auslaufen und kam fehlerfrei durch. Heute ist das je nach Parcours und Richter deutlich seltener möglich. Sequenzen müssen auf Distanz geführt werden, und ein neuer Aufbau integriert Distanzarbeit und Gerätefokus von Anfang an.

Das betrifft alle Leistungsklassen

Längst nicht nur die höchste Klasse ist davon geprägt. Auch in A1 und A2 finden wir deutlich mehr Distanzelemente. Sprünge, Tunnel und Laufsteg stehen im Laufweg des Hundeführers, die Hunde müssen die Geräte selbstständig anziehen. Für Hunde, die gelernt haben, die Linie selbst zu lesen, ist das selten ein Problem: Die Linien ergeben sich logisch. Schnellen Hunden mit gutem Gerätefokus kommt diese Art Parcours sehr entgegen.

Sheltie springt neben einem Tunnel über eine Hürde

Zwei Gruppen tun sich schwer

Erfahrene, ältere Hunde mit wenig Gerätefokus. Für diese Teams war es früher meist möglich, alles mit auszulaufen. In modernen Parcours geht das oft nicht mehr. In ihrer Grundausbildung standen Distanztraining und Gerätefokus meist nicht auf dem Stundenplan. Das müsste nachgeschult werden. Und nachtrainieren ist immer schwerer als von Anfang an aufbauen. Gerade wenn ein Team seit fünf oder mehr Jahren ohne diese Skills durch die Parcours kommt, wird es schwer, den jahrelang gefestigten Fokus vom Handler aufs Gerät umzulenken.

Anfängerteams mit klassischer Ausbildung über Locken. Früher konnte man in einem weniger durchdachten Training beginnen, später wechseln und trotzdem erfolgreich sein. Heute haben Teams, die ihre Hunde zu lange am Wurstzipfel durch den Parcours gelockt haben, es in den höheren Klassen deutlich schwerer.

Fokus und Distanz von Anfang an

Die Konsequenz ist ein strukturiertes Training mit Schwerpunkt auf Gerätefokus, Distanzübungen und dem Verständnis von Verbalkommandos, im Idealfall von Beginn an. Genau diese drei Bausteine baue ich im Kurs Gerätefokus & Distanz Schritt für Schritt mit dir auf. Aber auch die beiden Gruppen oben können sich verbessern. Die Schritte sollten nur klein sein und die eigene Erwartung an die Lerngeschichte des Hundes angepasst. Aus einem Hund, der vier Jahre lang zu jedem Gerät begleitet wurde, wird nicht über Nacht einer, der Geräte auf sechs Meter Distanz anzieht.

„Ich habe keine eigenen Geräte“

In meinem Training vermittele ich Konzepte, die sich später auf Geräte übertragen lassen. Diese Konzepte lassen sich zum größten Teil ohne Geräte auf kleiner Fläche aufbauen. Hat ein Hund die Grundlagen verstanden, fällt die Übertragung auf Geräte sehr viel leichter. Es geht also auch ohne eigenen Parcours.

Ab welchem Alter?

Weil keine Geräte nötig sind, sind die meisten Konzepte körperlich wenig belastend. Theoretisch geht es also schon mit sehr jungen Hunden. Der Hund sollte die mentale Reife haben, sich etwas auf eine Aufgabe zu konzentrieren. Wie du diese Konzentration in kleinen Schritten aufbaust, zeige ich dir in Die Ein-Minuten-Revolution. Ein Verständnis für Belohnungen und eine Bleibposition sind hilfreich, etwas Impulskontrolle sollte da sein. Warum Impulskontrolle so wichtig ist, erfährst du hier.

Anna Hinze arbeitet mit einem Junghund im Abendlicht

Gerätefokus

Der Gerätefokus lässt sich wunderbar als Fokus auf eine Belohnung beginnen. Ziel: Der Hund schaut auf ein Kommando (etwa „Fokus“) eine Belohnung an, rennt aber nicht hin. Er bleibt in der Warteposition. Dafür eignet sich ein Futterautomat, aber auch ein Napf, den eine Hilfsperson bewacht.

Der Hund sollte die Belohnung kennen und Zug dorthin haben. Anfangs hältst du ihn am Geschirr und lässt erst los, wenn er zur Belohnung schaut oder hinzieht. Steht er sehr im Zug, halte, bis er kurz nachgibt. Sagst du das Fokuskommando, wenn er hinschaut, aber nicht zieht, und lässt genau dann los, verbindet er beides.

Nach einigen Wiederholungen kommt eine Bleibposition dazu: Sitz, Platz oder Steh. Jetzt soll er die Position trotz Fokuskommando halten und erst auf ein Auflösekommando starten. Ein sehr kurzer Moment reicht am Anfang, lös also schnell auf. Aber belohne keinen Frühstart.

Es ist sogar gut, wenn anfangs Frühstarts passieren, die durch Wegnehmen der Belohnung nicht zum Erfolg führen. So baut der Hund ein Verständnis dafür auf, Position und Fokus zu halten. Nach und nach verlängerst du das Intervall.

Drei kleine Challenges zum Fokus

  • Kannst du auf der Stelle laufen, während dein Hund den Fokus hält?
  • Kannst du Hampelmänner machen, während dein Hund den Fokus hält?
  • Kannst du hinter deinem Hund stehen, während er den Fokus hält?

Sitzt das Kommando, kannst du es auf eine Spielzeugbelohnung übertragen. Dann sollte der Hund aber kaum noch Fehler machen. Diese Belohnung können wir nicht kontrollieren, und zu viele Korrekturen ziehen den Zug zum Spielzeug in Mitleidenschaft.

Im nächsten Schritt überträgst du das Kommando auf ein Objekt. Bei jungen Hunden nehme ich gerne eine Hundeliege, die der Hund schon kennt und ohne Aufforderung anzieht, weil er dort oft belohnt wurde. Anfangs liegt noch ein Keks darauf, den er fokussiert. Dann lasse ich die Belohnung weg und schicke ihn nach dem Fokus mit dem Liegen-Kommando hin. So wird aus „Belohnung fokussieren“ ein „Objekt fokussieren“.

Je mehr Objekte und Geräte dein Hund kennenlernt, desto mehr Möglichkeiten hast du. Lernt er den Tunnel, kann der Fokus darauf übertragen werden, sobald der Tunnel als Gerät verstanden ist und angezogen wird. Genauso bei Sprungkommandos und allen anderen Geräten.

Wichtig: Der Hund muss seine Aufgabe am Gerät gut verstanden haben, bevor wir das Gerät mit dem Fokuskommando verbinden. Ein Hund, der im Tunnel noch umdreht, sollte erst den Tunnel verstehen.

Distanzübungen

Hat der Hund verstanden, auf das Fokuskommando ein Gerät anzuschauen, kannst du dich immer weiter in die seitliche Distanz begeben. Auch ein junger Hund kann so auf der anderen Seite des Laufstegs einen Tunnel fokussieren, während du zehn bis fünfzehn Meter seitlich stehst. So gewöhnt er sich früh daran, eine Aufgabe allein zu erledigen und nicht zu jedem Gerät begleitet zu werden.

Der Belohnungspunkt

Wichtig beim Aufbau der Distanzarbeit ist, wo die Belohnung liegt. Der Belohnungspunkt gehört auf die Linie des Hundes und nicht in deine Hand, sonst belohnst du das Hereinkommen zu dir statt die Arbeit in der Distanz. Auch eine geworfene Belohnung ist oft nicht ideal, weil viele Hunde anfangen, sich umzugucken. Das Timing muss dann sehr gut stimmen.

Sheltie fokussiert einen Futterautomaten als Zielpunkt

Verständnis von Verbalkommandos

Auch das lässt sich gut auf kleiner Fläche aufbauen. Ich nehme dafür zwei Kommandos, die der Hund sicher ohne Handzeichen beherrscht, zum Beispiel Sitz und eine Drehung um die eigene Achse. Jetzt soll er rein am Wort unterscheiden. Klappt das noch nicht, übe beide zunächst einzeln aufs Hörzeichen.

Diese Kommandounterscheidung lässt sich auf alles ausweiten, was dein Hund rein verbal lernen soll. Versteht er das Konzept auf kleiner Fläche, lässt es sich später leichter auf die Unterscheidung der Geräte im Parcours übertragen, unabhängig von deiner Körpersprache.

Overshadowing: warum die Reihenfolge zählt

Hunde kommunizieren größtenteils über Körpersprache und achten deshalb viel mehr darauf als auf unsere Worte. Geben wir Verbalkommando und physisches Kommando gleichzeitig (etwa den Keks im Kreis führen), nimmt der Hund immer das physische stärker wahr. Deshalb: erst das Verbalkommando, dann die Handhilfe. So versteht er das Wort als Ankündigung und kommt der Hilfe irgendwann zuvor.

Sheltie läuft fokussiert auf einen Tunnel zu

Die Distanz ergibt sich dann von selbst

Sind ein guter Gerätefokus und Sicherheit am Gerät einmal aufgebaut, ist Distanzarbeit kein Hexenwerk mehr. Wie so oft müssen die Grundlagen stimmen, bevor die Skills im Parcours trainiert werden. Ein Hund, der nur mit ausgelegter Belohnung in die Distanz gelockt wird, tut sich damit deutlich schwerer.

Anna Hinze
Hi, ich bin Anna

Ich laufe seit 23 Jahren Agility und gebe seit 16 Jahren mein Wissen an andere Teams weiter. Psychologie und E-Learning habe ich studiert, deshalb erkläre ich in meinen Artikeln nicht nur was, sondern auch warum.

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